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Arbeitsgemeinschaft
Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. | Selbsthilfe seit 1966

Zwischen Kränkung und Klarheit: Raum für Reflexion – Bericht des Netzwerkes Hydrocephalus der ASBH

Zwischen Kränkung und Klarheit: Raum für Reflexion – Raum für Veränderung oder Ein neuer Ort – und viele innere Wege

Ein intensives Wochenende des Innehaltens, der Selbstreflexion und des Miteinanders beim HC-Netzwerktreffen der ASBH in Bonn, das neue Perspektiven auf den Umgang mit Kränkungen und Konflikten eröffnete und Raum für Reflexion, Verbundenheit und gemeinsames Weitergehen schuf.

Ein neues Jahr, ein neuer Ort – und doch ein vertrautes Gefühl. Als wir uns vom 24. bis 26. Oktober 2025 zum Austauschtreffen des Netzwerkes Hydrocephalus der ASBH in Bonn versammelten, lag eine besondere Stimmung in der Luft. Zum ersten Mal fand unser langjähriges Netzwerktreffen nicht im Erbacher Hof in Mainz statt, sondern im Gustav-Stresemann-Institut e.V. in Bonn. Ein Ortswechsel, der mehr war als nur eine organisatorische Veränderung: Er fühlte sich an wie ein leiser Neubeginn, wie das Aufschlagen einer neuen Seite – getragen von Neugier, Offenheit und der Hoffnung, Bewährtes mitzunehmen und zugleich Neues entstehen zu lassen. Die Stadt zeigte sich herbstlich, ruhig, offen und inspirierend. Das Thema des Wochenendes – „Achtsamkeit im Umgang mit Kränkungen und Konflikten“ – hätte kaum passender gewählt sein können. Denn Konflikte, Missverständnisse und Kränkungen (sowohl äußere als auch – umso mehr – innere) gehören nicht nur zum Alltag jedes Menschen, sondern spielen auch in der Selbsthilfearbeit und dem Alltag mit einer Behinderung eine zentrale Rolle.

Bereits in der Kennenlernrunde am ersten Abend lagen Fragen in der Luft, die uns durch das gesamte Seminar begleiteten:

  • Wie kann ich meine Kränkungen erkennen und damit umgehen?
  • Welche Konflikte erfahre ich aktuell in meinem Leben?
  • Wie gehen wir miteinander um, wenn Gefühle verletzt werden?
  • Wie können wir achtsam reagieren, statt automatisch zu handeln?
  • Und wie gelingt es, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, ohne den Kontakt zum Gegenüber zu verlieren?

Unter der Leitung von Petra Riemer, Trainerin für Persönlichkeitsentwicklung und Stressmanagement, begaben wir uns an diesem Wochenende auf eine intensive Reise – nach innen und miteinander.

Ankommen im Hier und Jetzt: Ein Freitagabend voller Erwartung und vorsichtiger Offenheit

Schon am Freitagabend wurde deutlich, dass dieses Treffen mehr sein würde als ein klassisches Seminar, auch für die erfahreneren Teilnehmenden. Nach dem Ankommen und einem gemeinsamen Abendessen versammelten wir uns zu einer ersten Runde im Seminarraum. Petra Riemer eröffnete das Wochenende mit einer ruhigen, präsenten Haltung, die sofort spürbar machte: Hier darf man ankommen, so wie man ist. Gemeinsam vereinbarten wir einige einfache, aber kraftvolle „Regeleien“: präsent sein, auf sich selbst achten, nichts sagen müssen, was nicht gesagt werden will, Vertraulichkeit wahren. Besonders eindrücklich war die Einladung, nicht vorschnell zu trösten, sondern Raum zu lassen für das, was gesagt werden möchte. Dabei half besonders eine Methode, ein Objekt im Kreis immer weiter zu geben, und dieses so lange zu behalten, wie man spricht. Das half einem zu spüren, dass er/sie jetzt Raum fürs Sprechen hat, wo alle zuhören. Auch hilft es, mit einem Objekt in den Händen zu sprechen, da man sich gleichzeitig durch unbewusste kleinmotorische Bewegungen beruhigen konnte. Diese Haltung schuf von Beginn an einen sicheren Rahmen, in dem Offenheit möglich wurde.

In der Vorstellungsrunde zeigte sich schnell, wie unterschiedlich unsere Lebensrealitäten sind – und wie sehr uns doch ähnliche Fragen verbinden, obwohl die Gruppe sehr alters-, berufs- und lebensphasenunterschiedlich war.

  • Warum interessieren uns Achtsamkeit, Konflikte und Kränkungen gerade jetzt?
  • Was hoffen wir, aus diesem Wochenende mitzunehmen?
  • Und wie geht es uns in diesem Moment? Allein diese Fragen öffneten bereits einen Raum für ehrliche Begegnung.

 Achtsamkeit als Haltung

Der Samstag begann bewusst ruhig, wo man nicht das belastende Gefühl hatte, dass es an dem Tag theoreitsche Grundlage des Seminares und eine intensive Austausch mit Übungen geplant war. Noch bevor wir tiefer in die Themen einstiegen, wurden wir eingeladen, ganz hier anzukommen – mit einer einfachen Körper- und Balanceübung. Es ging nicht darum, etwas „richtig“ zu machen, sondern wahrzunehmen: Wie stehe ich gerade da? Wie fühlt sich mein Körper an? Wo bin ich mit meinen Gedanken? Im weiteren Verlauf näherten wir uns dem Begriff Achtsamkeit. Achtsamkeit, so lernten wir, ist keine Technik, die man einfach anwendet, sondern eine Haltung: bewusst, im gegenwärtigen Moment, ohne zu urteilen. Eine Einladung, aus automatisierten Reaktionsmustern auszusteigen und stattdessen wahrzunehmen, was gerade da ist – innerlich wie äußerlich. Besonders eindrücklich war die Erkenntnis, dass Achtsamkeit die Voraussetzung für Selbstregulation und echte Wahlfreiheit ist, da wir oft über Achtsamkeit als ein  Beruhigungsmittel denken und nicht als Werkzeug der Selbsterkenntnis. Erst wenn wir bemerken, was in uns geschieht, können wir entscheiden, wie wir reagieren möchten. Diese Einsicht wurde nicht theoretisch vermittelt, sondern immer wieder durch kurze Übungen erfahrbar gemacht – etwa durch eine Minute der Stille oder die kleine, alltagstaugliche Praxis ALI: Atmen, Lächeln, Innehalten. Viele von uns spürten dabei sehr konkret, wie bereits wenige bewusste Atemzüge den inneren Druck mindern, den Blick weiten und eine kleine Pause zwischen Reiz und Reaktion entstehen lassen konnten – eine Erfahrung, die im Alltag oft den entscheidenden Unterschied macht, wenn wir auf äußere Reize (Menschen oder Ereignisse) reagieren möchten. Die Übung geht wie folgt:

  • A – Atmen: Aufmerksamkeit bewusst auf den Atem richten, Ein- und Ausatmung wahrnehmen.
  • L – Lächeln: Ein leichtes, inneres Lächeln entstehen lassen, ohne es erzwingen zu wollen.
  • I – Innehalten: Einen Moment innehalten und die gegenwärtige Situation bewusst wahrnehmen, ohne zu bewerten, einfach beobachten.

Ziel: Unterbrechung automatischer Reaktionen, Förderung von Präsenz und innerer Ruhe. (→ jederzeit im Alltag anwendbar, auch für wenige Sekunden)

Kränkungen – was uns verletzt und warum: Zwischen Selbstwert, Gefühl und Verantwortung

Ein besonders intensiver Teil des Wochenendes war dem Thema Kränkungen gewidmet. „Was kränkt, macht krank“ – dieser Satz begleitete uns durch viele Gespräche und Reflexionen. Kränkungen entstehen, wenn unsere Selbstachtung, unsere Werte oder unser Bedürfnis nach Anerkennung verletzt werden. Oft reagieren wir dann mit Wut, Trotz oder Rückzug, ohne die tieferliegenden, echten Gefühle wahrzunehmen.

Im Workshop luden uns die Inhalte des Vortrages und der Übungen dabei dazu ein, innezuhalten und diese Fragen zu reflektieren sowie in die Runde zu besprechen:

  • Was genau hat mich in einer bestimmten Situation verletzt oder gekränkt?
  • Welche Gefühle habe ich zunächst wahrgenommen – und welche könnten darunter gelegen haben?
  • Habe ich eher mit Rückzug, Ärger oder Rechtfertigung reagiert?
  • Welche Erwartungen oder inneren „wunden Punkte“ wurden dabei berührt?
  • Wo übernehme ich Verantwortung für meine Gefühle – und wo gebe ich sie unbewusst ab?
  • Welche Rolle nehme ich in Konflikten häufig ein: Opfer, Retter:in oder Täter:in?
  • Was würde sich verändern, wenn ich mir einen Moment des Innehaltens erlaube, bevor ich reagiere?

Wir lernten zu unterscheiden zwischen sogenannten Ersatzgefühlen wie Empörung, Verachtung oder Ohnmacht und den eigentlichen, echten Gefühlen darunter – etwa Schmerz, Angst oder Scham. Diese Unterscheidung war für viele von uns herausfordernd, aber zugleich entlastend. Denn sie machte deutlich, dass nicht das Verhalten des anderen unmittelbar unsere Gefühle bestimmt, sondern unsere eigene Interpretation und innere Haltung.

Besonders eindrücklich war die Arbeit mit dem Dramadreieck aus der Transaktionsanalyse. In kleinen Beispielen und Reflexionen, die wir gemeinsam erarbeiteten, wurde sichtbar, wie schnell wir – oft unbewusst – zwischen Opfer-, Täter- und Retterrollen wechseln. Erst wenn es gelingt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und aus diesen Rollen auszusteigen, entsteht wieder Handlungsspielraum. Viele von uns erkannten dabei eigene wiederkehrende Muster und nahmen die Erkenntnis mit, künftig bewusster innezuhalten, bevor alte Dynamiken erneut greifen.

Konflikte verstehen – statt sie zu vermeiden: Wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen

Im nächsten Schritt wandten wir uns dem Thema Konflikte zu. Konflikte, so wurde deutlich, entstehen dort, wo mindestens zwei Menschen mit unterschiedlichen Handlungsabsichten aufeinandertreffen – begleitet von starken Emotionen und einer hohen inneren Anspannung. Sie können lähmen, belasten und Beziehungen unterbrechen.

Wir betrachteten verschiedene Konfliktarten:

  • äußere Konflikte mit anderen,
  • innere Konflikte mit sich selbst und
  • Konflikte innerhalb von Organisationen.

Alle haben eines gemeinsam: Sie fordern uns heraus, bewusst mit unseren Gefühlen und Reaktionen umzugehen. In der gemeinsamen Reflexion wurde klar, wie leicht wir in Konfliktsituationen in automatische Muster verfallen – sei es Rückzug, Angriff oder Rechtfertigung. Achtsamkeit kann hier helfen, einen inneren Schritt zurückzutreten und wahrzunehmen: Was ist gerade wirklich los? Was fühle ich? Und was brauche ich in diesem Moment?

Bewegung, Körper und Integration

Zwischen den intensiven inhaltlichen Einheiten sorgten immer wieder kurze Bewegungs- und Körperübungen für Ausgleich. Besonders die einfachen QiGong-Übungen machten erfahrbar, wie eng Körper und Geist miteinander verbunden sind. Ruhige, fließende Bewegungen, begleitet vom Atem, halfen, Spannungen loszulassen und wieder bei sich selbst anzukommen. Gerade nach emotional fordernden Themen wurde spürbar, wie wohltuend es ist, den Körper bewusst einzubeziehen. Viele von uns nahmen wahr, dass sich innere Anspannung löste und neue Klarheit entstehen konnte – nicht durch Nachdenken, sondern durch Erleben.

Gemeinschaft erleben im inneren Gleichgewicht und Frieden mit sich selbst

Wie in den vergangenen Jahren war es nicht nur der Workshop selbst, der dieses Wochenende so besonders machte. Es waren auch die Gespräche in den Pausen, beim gemeinsamen Essen oder bei einem Spieleabend.  In diesen informellen Momenten entstanden lebendige Gespräche, ehrliche Fragen und das Gefühl, mit den eigenen Erfahrungen nicht allein zu sein. Gerade im Kontext der Selbsthilfe wurde deutlich, wie wertvoll solche Begegnungen sind: Sie schaffen Vertrauen, stärken das Netzwerk und bilden die Grundlage dafür, das Erlebte später in die Arbeit und Alltag mitzunehmen.

Mitnehmen und weitertragen

Am Sonntag blickten wir in einer ruhigen Atmosphäre gemeinsam auf das Wochenende zurück: Was hat berührt? Was möchte man ganz konkret mit in den Alltag nehmen? Diese Abschlussphase machte noch einmal deutlich für Teilnehmende, dass Veränderung oft in kleinen Schritten beginnt – in einem bewussteren Atemzug, einer klareren inneren Haltung oder dem Mut, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Was bleibt – und was weiterwirkt

Als sich das Treffen schließlich dem Ende zuneigte, war eines klar: Dieses Wochenende war mehr als ein Seminar. Es war ein Raum für Selbstreflexion, für ehrliche Begegnungen und für das Treffen und Erleben des komplexer, oft störender Gefühle ohne Angst. Wir gingen auseinander mit neuen Impulsen – nicht nur für den persönlichen Alltag, sondern auch für die Arbeit in den regionalen Selbsthilfegruppen und im Netzwerk insgesamt.

Der Ortswechsel nach Bonn erwies sich dabei als stimmig und richtungsweisend. Er markierte einen neuen Abschnitt unseres langjährigen Netzwerktreffens – getragen von Erfahrung, aber offen für Entwicklung. Mit Zuversicht blicken wir auf die kommenden Jahre und darauf, wie wir Achtsamkeit, einen bewussteren Umgang mit Kränkungen und ein wertschätzendes Miteinander weiter in unsere Gemeinschaft tragen können.

Ein herzlicher Dank gilt Petra Riemer für ihre klare, aufmerksame und zugleich sehr menschliche, ruhige Begleitung durch dieses intensive Wochenende – sowie allen Teilnehmenden für ihre Offenheit und ihr Vertrauen. Wir gehen mit dem Gefühl, gestärkt zu sein – nicht, weil Konflikte und innere Kränkungen verschwunden wären, sondern weil wir ihnen nun bewusster begegnen können und deren echten Gesicht erkennen können

Wir freuen uns sehr auf alle neuen und bekannten Gesichte, die daran Interesse haben könnten und die wir treffen werden.

Kateryna

Veröffentlich: 28.04.2026
Zuletzt bearbeitet: 28.04.2026
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