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Arbeitsgemeinschaft
Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. | Selbsthilfe seit 1966

Seelische und psychosoziale Belastungen in Zeiten der Corona-Pandemie

Menschen mit Behinderung brauchen in der Corona-Krise besonderen Schutz und Unterstützung, dazu benötigen Leistungserbringer verlässliche Rahmenbedingungen und eine gesicherte Finanzierung. Corona macht vor niemandem Halt: kleine und große Betriebe, Selbstständige, Vereine und Organisationen stehen vor erheblichen finanziellen Engpässen oder schlimmstenfalls vor dem Ruin. Auch Einrichtungen, die sich um behinderte, psychisch oder neurologisch erkrankte Menschen kümmern, müssen mit neuen Aufgaben und Arbeitsbedingungen zurechtkommen, oft fehlen finanzielle Mittel oder Personal um auch in diesen besonderen Zeiten alle Aufgaben zu bewältigen.

Soziale Isolierung wird momentan als notwendige Maßnahme zur Eindämmung der Corona-Pandemie angesehen, jetzt, Ende April, werden erste Lockerungsmaßnahmen beschlossen. Allerdings auch schon wieder über eine Verschärfung der Maßnahmen diskutiert. Wünschenswert wäre es, bei der weiteren Planung eine Variable „seelische/psychische Gesundheit“ in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen, diese lässt sich bisher nicht klar erkennen.

Um sich der Reichweite und Wichtigkeit dieser Komponente bewusst zu werden, sollte man einen Blick auf einige gebräuchlichen Definitionen und Abgrenzungen werfen, um eine sozalpsychologische Bewertung/Einordnung, auch als Leihe, besser zu verstehen. Erich Fromm formulierte folgendes: „Der Begriff „seelische Gesundheit“ ergibt sich aus den Bedingungen der menschlichen Existenz selbst und gilt für alle Menschen, unabhängig von allen Zeiten und Kulturen. Seelische Gesundheit ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit zu lieben und etwas zu schaffen, durch die Loslösung von den inzestuösen Bindungen an Klan und Boden, durch ein Identitätserleben, das sich auf die Erfahrung seiner selbst als dem Subjekt und dem Urheber der eigenen Kräfte gründet, durch das Begreifen der Realität innerhalb und außerhalb von uns selbst, das heißt durch die Entwicklung von Objektivität und Vernunft. (Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, A. 52.)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff auch merkmalsbezogen, die Stärke der Ausprägungen lässt auf den Grad vorhandener psychischer Gesundheit schließen. Diese Definition basiert auf dem Kontinuum Gesundheit: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“.

Die WHO führt weiterhin Umstände (eben auch soziale) an, die für psychische Gesundheit, nach der oben angeführten Definition, sprechen, welche dafür förderliche Rahmenbedingungen sind, aber im negativen Sinne auch zu welchen Belastungen, bzw. Erkrankungen es bei Menschen in ungünstigen Sozialen Bedingungen kommen kann:
...Psychische Gesundheit und Wohlbefinden werden nicht nur durch individuelle Merkmale beeinflusst, sondern auch durch die sozialen Umstände, in denen sich Menschen befinden, und die Umgebung, in der sie leben. Diese Determinanten interagieren dynamisch und können den psychischen Zustand einer Person bedrohen oder schützen ...Psychische Störungen stellen Störungen der psychischen Gesundheit einer Person dar, die oft durch eine Kombination von belastenden Gedanken, Emotionen, Verhaltensweisen und Beziehungen zu anderen gekennzeichnet sind. Beispiele für psychische Störungen sind Depressionen, Angststörungen, Verhaltensstörungen, bipolare Störungen und Psychosen. (WHO-Europa, Psychische Gesundheit - Faktenblatt, 2019) Download

Dies zeigt, wie abhängig unser Wohlbefinden, unsere psychische Gesundheit von der Interaktion, den sozialen Kontakten, der Arbeit und sozialen Vergleichsprozessen ist. Die Beziehungen zu unseren Mitmenschen, Familien und sozialen Netzwerken scheint von existenzieller Bedeutung für eine gesundheitsförderliche und nicht krankmachende "Gedankenwelt" zu sein.

Aktuell weiß kaum jemand etwas über die psychischen Folgen der Kontakteinschränkungen durch die Corona Pandemie. Auch der bisherige Forschungsstand zum Thema ist sehr überschaubar. Bislang sind zwei Studien bekannt, deren Inhalt allerdings alarmierend ist. So wertete das Deutsch-chinesische Alumnifachnetz in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie (DCAPP) die Daten von 2.144 Anrufern einer Krisenhotline in Wuhan aus, die zwischen dem 4. und dem 22. Februar erhoben wurden. 47 Prozent der Anrufenden berichteten über Angstzustände. Auch depressive Symptome, Schlafstörungen und Schuldgefühle waren häufig. Viele Anrufer hatten körperliche Beschwerden ohne physischen Befund. Informationen über die Langzeitfolgen sozialer Isolierung lassen sich der Märzausgabe der Wissenschaftszeitschrift „The Lancet“ entnehmen. Hier wurden 24 Studien aus mehreren Ländern zusammengefasst. Alle erhoben die psychische Befindlichkeit von Menschen, die während früherer Epidemien unter Quarantäne standen. Auch Jahre danach zeigten sich negative Effekte wie Schlafstörungen, Ängste und Depressionen. Kinder, die unter Quarantäne standen, hatten ein vierfach höheres Risiko für ein posttraumatisches Belastungssyndrom. Besonders anfällig für Langzeitfolgen waren Menschen in Gesundheitsberufen und Personen mit niedrigem Einkommen. Inwieweit diese Ergebnisse auf die Situation in Deutschland übertragbar sind, lässt sich schwer sagen. Ein Indikator für das emotionale Stresslevel könnte aber der rasante Anstieg der Anrufe bei der Telefonseelsorge sein. In Berlin-Brandenburg haben sich, nach deren Angeben, die Anrufe seit Anfang März fast verdoppelt. Dort stellte sich heraus, erst war die Corona-Angst das beherrschende Thema, nach dem Motto, was kommt da auf uns zu.  Nun stehen Einsamkeitsgefühle im Vordergrund. Notfallpsychologen, die für den Bundesverband Deutscher Psycholog*innen (BDP) an der Hotline sitzten, sehen vor allem die Entwicklung in Krankenhäusern und Pflegeheimen mit Sorge. Sie schildern, Kontaktsperren lösten oftmals Angst, Verzweiflung und Aggressionen aus. Das gelte für die Menschen in den Einrichtungen wie ihre Angehörigen. Pflegekräfte müssten beide Gruppen beruhigen und seien mit der Situation überfordert. Besonders dramatisch sei die Lage bei Demenzkranken, die die Maßnahmen nicht verstehen könnten. Hier sei die Belastung für die Pflegenden besonders hoch.

Erleben wir ein Aussetzen der psychosozialen Versorgung?

Die Situation von chronisch kranken Menschen ist kritisch, worauf die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) in einem offenen Brief an die Kanzlerin verweist. Mit dem allgemeinen Shutdown ging auch ein beispielloser Shutdown der psychosozialen Versorgung einher. Psychiatrien entließen viele Patienten, um Platz für Coronastationen zu schaffen. Reha-Maßnahmen in psychosomatischen Kliniken wurden ausgesetzt. Die meisten Tageskliniken und Beratungsstellen für Menschen mit psychischen Problemen wurden geschlossen. Selbsthilfegruppen und -treffpunkte sind dicht. Dabei sind die psychosozialen Kosten des Shutdowns nicht einfach ein zusätzlicher Posten, den man zu den allgemeinen Kosten hinzuaddieren muss. Psyche und Körper lassen sich nicht voneinander trennen. Dies bestätigen die oben beschriebenen Definitionen und Merkmalsdarlegungen. Seelische Faktoren beeinflussen auch das Infektionsrisiko. Die Neuropsychoimmunologie liefert dazu eindeutige Befunde: Soziale Isolation – das zeigen alle Studien – erhöht das Mortalitätsrisiko. Psychisches Wohlbefinden stärkt die Immunabwehr, während emotionaler Stress die Abwehrkräfte schwächt. Ein eigentlich banaler Zusammenhang, der jedoch beim starren Blick auf Infektionskurven leicht verloren geht.

Weitere Informationen des RKI (Aktivitäten am Robert Koch-Institut, Psychische Gesundheit, Angststörungen, Forschungsprojekte: "Psychische Störungen", Zusatzuntersuchung "Psychische Gesundheit")  hier...