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Inklusion auch in der Unternehmensspitze

Noch gibt es für Führungskräfte mit Behinderung zu wenig Sichtbarkeit. Ein Projektteam möchte das ändern und entwickelt praktische Tipps für Betriebe.

Menschen brauchen Vorbilder – auch in der Arbeitswelt. Von dieser Annahme geht ein gemeinsames Projekt der Universität zu Köln und der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (faw) aus. Bei dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Programm „Vorbildlich in Führung gehen! Mit Role Models Inklusion in Arbeit stärken“ stehen Menschen mit Behinderung im Fokus – und zwar diejenigen in Führungspositionen. Denn die sind in Unternehmen hierzulande unterrepräsentiert und das kann Auswirkungen auf die gesamte Zusammensetzung der Belegschaft haben.

Laut einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2024 übernehmen durchschnittlich 31 Prozent der Beschäftigten ohne Behinderung Führungsverantwortung, bei denjenigen mit Behinderung sind es nur 23 Prozent. Die Gründe sind vielseitig. So kann es besonders für Führungsposten an einer behindertengerechten Arbeitsgestaltung und der nötigen Flexibilität mangeln, das Wissen über Behinderung innerhalb der eigenen Belegschaft und der offene Umgang damit kann fehlen oder die Unternehmenskultur bietet schlicht keine Aufstiegschancen für Menschen mit Behinderungen.

Das Role-Model-Projekt versucht, hier anzusetzen. Mathilde Niehaus, Professorin für Arbeit und berufliche Rehabilitation, und Jana Bauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin, beschäftigen sich an der Universität zu Köln unter anderem mit der Frage, wie der Zugang oder die Rückkehr auf den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten erleichtert werden kann. Gemeinsam leiten sie den wissenschaftlichen Teil des Projekts. „In vielen Unternehmen ist es noch nicht so angekommen, dass es keinen Widerspruch geben muss zwischen Stärke, die häufig mit der Übernahme von Führungsrollen in Verbindung gebracht wird, und einer gewissen Vulnerabilität, die noch immer mit Behinderung assoziiert wird“, sagt Jana Bauer. Dabei könne eine Stärke einer guten Führungskraft gerade darin liegen, klar eigene Grenzen zu kommunizieren, und zu zeigen, dass es wichtig sei, im Arbeitskontext über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen, so die Wissenschaftlerin.

Per Definition hätten Führungskräfte Verantwortung für ihr Personal und seien so prädestiniert für eine solche Aufgabe als Role Model (dt. Vorbild), ergänzt ihre Kollegin Mathilde Niehaus. „Sie sind als Bindeglied verantwortlich nicht nur für die Produktivität eines Unternehmens, sondern auch für die Gesundheit der Beschäftigten und für gute Arbeitsbedingungen im Unternehmen.“ Am Anfang des Projekts standen eine Art Bestandsaufnahme und die Frage, was zum Thema Führungskräfte mit Behinderung bisher in der Forschung bekannt sei. Viel sei das nicht gewesen, erinnern sich Niehaus und Bauer. Umso wichtiger waren die eigenen Datenerhebungen des Forschungsteams an der Universität zu Köln, bei denen Personen mit verschiedenen relevanten Praxiserfahrungen in mehreren Fokusgruppen und Expert:innen-Panels zu Wort kamen. So konnten unter anderem die Perspektiven von Führungskräften, Beschäftigten und Bewerber:innen mit Behinderung, aber auch von betrieblichen Akteur:innen wie Schwerbehindertenvertretungen und Mitarbeitenden aus Personalabteilungen einbezogen werden. Daraus entstand dann ein wissenschaftliches Rahmenmodell.

Der praktische Teil unter der Leitung von Manfred Otto-Albrecht von der faw dreht sich um die Erstellung der sogenannten Toolbox. Die Erkenntnisse aus dem Rahmenmodell sollen hier in praktische Vorschläge für Unternehmen übertragen werden. Denn in der Praxis sei das Thema Sichtbarkeit von Führungskräften mit Behinderung durchaus ein „sensibles Thema“, so Otto-Albrecht. Es solle auf keinen Fall passieren, dass die Personen, die sich dazu bereit erklären, als Vorbilder im Unternehmen aufzutreten, auf ihre Behinderung reduziert würden, warnt Otto-Albrecht. „Es geht nicht darum, die Personen nur über das Thema Behinderung im Unternehmen sichtbar zu machen, sondern über ihre Fach- und Führungskompetenz“, so der Projektleiter bei der faw. Die Behinderung solle vielmehr impliziert mitlaufen.

Den Weg hin zu einem inklusiven Arbeitsumfeld müssen die Unternehmen aber im Endeffekt selbst gehen. Die Toolbox soll nach ihrer Veröffentlichung niedrigschwellig erste Impulse geben, ohne zu strikte chronologische Abläufe vorzugeben. Allgemein stehe es sowieso jeder Person frei, ihre Behinderung oder chronische Krankheit im Unternehmen offenzulegen, betonen die drei Mitarbeitenden des Projekts. Die Hoffnung ist aber: Gibt es mehr Vorbilder, verändert sich die Kultur im Unternehmen dauerhaft und ein offener Umgang wird leichter.

Dabei ist entscheidend, dass die Inklusionsbemühungen der Unternehmen auch authentisch sind. Dazu müsse man ernst nehmen, wenn Menschen Sorgen hätten, ihre Behinderung im Arbeitsumfeld offenzulegen, so die Wissenschaftlerin Niehaus. Nicht alle Behinderungen oder chronischen Krankheiten sind auf den ersten Blick erkennbar und manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entscheiden sich bewusst dagegen, diese im Arbeitskontext mitzuteilen. Die Angst vor negativen Folgen ist oftmals zu groß. Es bringe niemandem etwas, wenn ein Unternehmen sich zwar auf dem Papier inklusiv gebe, aber die Beschäftigten am Ende doch diskriminiert würden, erläutert Niehaus dazu.

Derzeit wird die Toolbox in fünf Unternehmen unter wissenschaftlicher Begleitung erprobt. Die Branchen sind dabei verschieden: Ein Medienunternehmen, eine öffentliche Verwaltung und eine Logistikfirma seien darunter, genauso wie eine Forschungseinrichtung und ein Technologieunternehmen, berichtet Otto-Albrecht. Wenn die Erprobungsphase Ende dieses Jahres abgeschlossen ist, soll die Toolbox dann bis Ende 2026 veröffentlicht und kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Darauffolgend soll sie auch über Webinar-Workshops verbreitet werden. Ein langer Weg zum Einsatz in den Unternehmen also, der dann aber – so die Hoffnung – einen Schritt zu mehr Inklusion in Betrieben leisten soll.

Weiter Informationen: https://www.role-models.de/

 

Veröffentlich: 11.10.2025
Zuletzt bearbeitet: 28.10.2025
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