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Auf Augenhöhe im Rollstuhl: Geschichte einer BR-Moderatorin

Wie gelingt Inklusion im Beruf? Vor 13 Jahren wurde BR-Journalistin Kottmann von der rasenden zur rollenden Reporterin. Sie sitzt im Rollstuhl. Seit Februar präsentiert sie die BR24-Nachrichten im Fernsehen. Das Medien-Echo darauf ist groß.

Die Süddeutsche Zeitung, der Stern, die österreichische Tageszeitung Standard – alle haben schon über die neue BR24 Moderatorin Mirjam Kottmann berichtet. “In dieser Woche wird mich sogar das französische Fernsehen hier bei meiner Arbeit begleiten”, erzählt die 50-Jährige. Und sie ergänzt: “Mich wundert dieser Bohei auch ein bisschen. Aber es ist scheinbar nicht normal.” Nicht normal, damit meint Mirjam Kottmann, dass eine Moderatorin die Nachrichten anstatt im Stehen im Rollstuhl sitzend präsentiert. Wobei dieser Umstand keinen Einfluss auf ihre journalistische Kompetenz hat und somit egal sein könnte. Aber – und das sagt Mirjam selbst: “Menschen mit körperlichen Einschränkungen sind im Fernsehen kaum repräsentiert. Außer sie moderieren Sendungen, in denen es sowieso um Behinderung oder Inklusion geht.” Somit könnte Mirjam Kottmann mit ihrer jetzigen Bekanntheit auch Mutmacherin sein für die rund neun Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland und ihre beruflichen Träume. Denn nur drei Prozent haben eine angeborene Behinderung. 97 Prozent der Betroffenen erlangen ihre Beeinträchtigung im Laufe ihres Lebens durch einen Unfall oder eine Krankheit. Da sind sie vielleicht schon in Ausbildung oder in einer langjährigen Arbeitsstelle und fragen sich: wie kann es für mich weiter gehen?

Und genau vor dieser Herausforderung stand und steht bis heute auch Mirjam Kottmann.

Mit 24 Jahren erkrankt Mirjam Kottmann an Multipler Sklerose

Mirjam Kottmann ist 24 Jahre alt, als sie die Diagnose Multiple Sklerose erhält (MS). MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Krankheit verläuft in Schüben und sehr individuell. Manche Betroffene leiden zum Beispiel an Sehstörungen, andere an Muskellähmungen. Die Liste der Symptome ließe sich weit fortsetzen. Die Krankheit greift den eigenen Körper an und zerstört auch Nervenzellen im Rückenmark.

Als Mirjam Kottmann die Diagnose erhält, arbeitet sie bereits als Journalistin beim Bayerischen Rundfunk. Es ist ihr Traumjob und sie entschließt sich, niemanden im Beruf von ihrer Krankheit zu erzählen.

Mirjam Kottmann hält ihre Krankheit am Arbeitsplatz über zehn Jahre geheim

Warum? Sie hatte Angst, dass man ihr beruflich nichts mehr zutraut. Und sie wusste ja auch nicht, wie sich ihre Krankheit entwickeln würde. So ging ihre Karriere als Journalistin im In- und Ausland weiter. Für den BR übernahm sie Studio-Vertretungen in Wien und Rom. Sie berichtete live auch vom Zug-Unglück in Bad Aibling. Wenn sie ihre MS zu stark spürte, meldete sie sich krank. Später – als sie teilweise schon Krücken zum Gehen brauchte – begründete sie dies mit den Folgen eines Skiunfalls. “Von meinem damaligen Chef und auch den Kolleginnen und Kollegen erhielt ich oft Kommentare. Da waren viele Frotzeleien dabei und unsensibles Umgehen. Nach über zehn Jahren habe ich dann den Entschluss gefasst, dass ich es sagen muss”, erinnert sie sich. Mirjam Kottmanns Chef entschuldigt sich bei ihr. Sie kann ihre Arbeit nun häufiger im Innendienst ausüben. Die nächste große Veränderung für Mirjam Kottmann ist dann ihr Rollstuhl. Seit 13 Jahren ist sie auf ihn angewiesen. “Zumindest anfangs hatte ich den Eindruck, nicht mehr alle Aufträge zu bekommen, so wie vor dem Rollstuhl. Da ging es aber vor allem um Themen und Termine, die mit viel Laufen oder Hindernissen zu tun hatten. Aber ich denke schon, dass man mir inhaltlich immer alles zugetraut hat”, sagt sie.

Inklusion am Arbeitsplatz – es ist ein Prozess

Und heute? “Mein Chef hat damals sehr positiv reagiert”, sagt Mirjam Kottmann. “Ich fahre auch heute noch als Reporterin auf Dreh. Ich mache Live-Schalten – beispielsweise von Wahl-Abenden. Ich muss sagen, dass das beim BR mittlerweile echt ziemlich gut läuft. Die Kollegen helfen mir sehr. Kameraleute heben mich in den Teambus. Bühnenbauer haben mir Podeste gebaut, usw. Da erhalte ich wirklich viel praktische Unterstützung.”

Seit drei Jahren wird Mirjam Kottmann am Arbeitsplatz außerdem von einer sogenannten Arbeits-Assistentin unterstützt.

Der lange Weg zum Traumjob “Nachrichten-Moderatorin”

Bis zum Traumjob Nachrichten-Moderatorin hat Mirjam Kottmann allerdings noch einen langen Weg vor sich. “Schon ganz am Anfang im Rollstuhl wollte ich moderieren. Aber ich bekam immer wieder zu hören, dass es aus diesen und jenen Gründen nicht gehen würde. Zum Beispiel, dass man mir ja für das Studio ein Podest bauen müsste, dass dann anderen wieder im Weg wäre.” Während es in Deutschland also erstmal weiterhin keine Moderatorinnen oder Moderatoren einer Nachrichten-Sendung gibt, die eine körperliche Behinderung haben, ist es in Großbritannien selbstverständlich. Bei der BBC beispielsweise informiert Frank Gardner als Moderator über das Weltgeschehen. Er sitzt seit 2004 im Rollstuhl, weil er im Einsatz als Kriegsreporter angeschossen wurde. Und Sean Dilley, der Washington Korrespondent der BBC, ist blind. Mirjam Kottmann kennt die Arbeit ihrer britischen Kollegen und genau deshalb bleibt sie dran. Ihr Motto: “Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen!” Ab 2018 moderiert sie auf ARD alpha. Ab 2022 übernimmt sie vertretungsweise Moderationen bei den Auslandsmagazinen im BR-Fernsehen. Ihren Rollstuhl versteckt sie dabei bewusst nicht. “Eingeschränkt fühle ich mich nicht – im Gegenteil: im Rollstuhl fühle ich mich sicher. Wir hatten bei ARD alpha ganz zu Beginn versucht, dass ich auf einem Stehhocker sitze. Doch da fühle ich mich extrem unsicher”, so Mirjam Kottmann.

Dann – im Herbst 2023 sucht die Nachrichten-Sendung BR24 im BR-Fernsehen Moderations-Verstärkung. Mirjam Kottmann ist zu diesem Zeitpunkt seit 26 Jahren als Reporterin in der Redaktion tätig. Inzwischen gibt es einen neuen Redaktionsleiter und wie schon Jahre zuvor bewirbt sich Mirjam wieder auf die Moderations-Position. Auch jetzt hört sie wieder den Kommentar: “Wie willst du sitzend über das Moderationspult im Studio schauen?” Mirjam antwortet, dass es dafür doch technische Lösungen gäbe. Ihre Zielstrebigkeit zahlt sich aus. Sie durchläuft ein internes Casting. Moderiert eine Woche auf Probe. Dann erhält sie die Zusage. Seit Februar 2024 gehört sie zum festen Moderations-Team der BR24 Ausgaben um 16 Uhr und 18.30 Uhr.

Eine technische Lösung macht Mirjams Handicap wett

Und wie schaut Mirjam Kottmann nun über das Moderationspult im Studio? Sie hat sich bei ihrer Rentenversicherung um einen Spezial-Rollstuhl bemüht und ihn genehmigt bekommen, weil sie ihn zwingend für ihre Arbeit braucht. Er lässt sich auf 1,75 Meter Augenhöhe hochfahren. “Dieser Rolli hat eine verstellbare Sitzhöhe, das heißt man kann stufenlos nach oben fahren, um beispielsweise mit stehenden Gesprächspartnern auf Augenhöhe zu sein. Das ist toll, weil dann niemand mehr auf mich herabschaut, sich hinknien muss oder ich nicht den Kopf in den Nacken nehmen muss”, so Kottmann. “Nachdem ich diesen Sommer schon seit 27 Jahren beim BR in der Aktualität arbeite und Nachrichtenjunkie bin, ist das Moderieren tatsächlich die Erfüllung eines schon lange gehegten Wunsches.”

Gelungene Inklusion, wenn der Rollstuhl nicht im Vordergrund steht

Nach ihrer ersten BR24-Moderationswoche erreichte Mirjam Kottmann auch ein Brief von Verena Bentele, der zwölffachen Goldmedaillengewinnerin in Biathlon und Skilanglauf bei Paralympischen Spielen. Verena Bentele ist von Geburt an blind. Sie leitet den VdK, den größten Sozialverband Deutschlands. “Ich habe Mirjam Kottmann geschrieben, um ihr meine Wertschätzung für ihre gute Moderation auszudrücken und um zu sagen, dass das echte Inklusion ist, wenn eine Moderatorin wegen ihrer Fähigkeiten eingestellt wird. Der Rollstuhl stand nie im Vordergrund, er ist eben da”, sagt Verena Bentele im BR24-Interview. Bentele erklärt zudem, dass sie sich über das Interesse an der Moderatorin freue: “Denn immerhin motiviert das andere Menschen mit Behinderung dazu, an ihre beruflichen Ziele und Träume zu glauben. Außerdem zeigt es Arbeitgebern, dass viel mehr möglich ist, als es zunächst scheint.”

(Quelle: www.br.de)

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